Interior Design-Trends auf dem Salone del Mobile 2026

Die Milan Design Week 2026 bestätigt ihren Status als globaler Design-Hotspot und zeigt zugleich eine neue inhaltliche Tiefe.

Zwischen dem Salone del Mobile und den vielschichtigen Inszenierungen des Fuorisalone entsteht ein Bild, das weniger von kurzfristigen Trends als von grundlegenden Haltungsfragen geprägt ist.

Das wohnbedarf Team war vor Ort unterwegs und hat genau hingeschaut – mit dem Blick auf kommende Entwicklungen und die Tendenzen für wohnbedarf 2027. Im Zentrum steht nicht das Spektakel, sondern Substanz.

Komfort als Formensprache

Der Raum wirkt, als wäre er in Watte gepackt: Wände, die vollständig mit dem gleichen Bezug tapeziert sind, verstärken den Eindruck von Weichheit und Umhüllung und übersetzen das Thema Komfort konsequent in den Raum.

Im Zentrum von Cassina steht das neue Ardy Sofa von Patricia Urquiola, das Komfort nicht nur bietet, sondern sichtbar macht. Seine voluminöse, weich gepolsterte Form erinnert an eine nordische Daunenjacke – eine bewusste Referenz an textile Leichtigkeit, Schutz und Wärme.

Füllung, Haptik und Volumen werden nicht kaschiert, sondern als prägendes Element eingesetzt. Das Sofa übersetzt textile Qualitäten in den Raum und macht Komfort zu einer klar lesbaren Formensprache.

Ein weiteres Highlight ist die Wiederentdeckung der Peacock Chair von Verner Panton, die in Zusammenarbeit mit Karakter präsentiert wird. Im Jahr seines 100. Geburtstags wird Pantons ikonisches Design auf Basis der Originalzeichnungen neu interpretiert. Die skulpturale Form aus Edelstahlgeflecht mit textilen Kissen zeigt den Trend der Reaktivierung historischer Entwürfe als zeitgenössische Statements – nicht als Nostalgie, sondern als Weiterentwicklung.

Fotos: @Cassina, Francesco Dolfo

Fotos: @Cassina, Francesco Dolfo

Fotos: @Cassina, Francesco Dolfo

Fotos: @Cassina, Francesco Dolfo

Auch im Bereich Licht zeigt sich eine klare Weiterentwicklung: Die Fluid Joinery Light von Linde Freya Tangelder übersetzt die Idee eines geblasenen Glastisches in eine Leuchte mit fliessenden, organischen Linien, in der Material, Licht und Farbe harmonisch zusammenwirken, während die Samambu Tischleuchte von Neri & Hu mit ihren schlanken, aufstrebenden Formen ein archetypisches fernöstliches Motiv aufgreift und es in eine filigrane, an Bambus erinnernde Lichtskulptur überführt.

Am 10 Corso Como in Mailand zeigt Linde Freya Tangelder in Zusammenarbeit mit Cassina die Installation „Fluid Re-Collection“, eine zeitgenössische Designausstellung, die skulpturale Objekte, experimentelle Studien und Serienmöbel in einen kontinuierlichen Dialog bringt und dabei Handwerk, Industrie und Materialforschung miteinander verbindet – an der ikonischen Designadresse 10 Corso Como in Mailand.

Object First – Die Rückkehr der puren Form

Auch B&B Italia nutzt den Salone 2026, um seine Position als treibende Kraft im Möbeldesign weiter zu schärfen. Nach 25 Jahren kehrt die Marke auf den Salone del Mobile zurück und präsentiert ihre Neuheiten in einer bewusst museal anmutenden Inszenierung. Bewusst reduziert: keine szenografische Überhöhung, keine dekorative Ablenkung – die Objekte stehen für sich.

Gleich im Eingangsbereich setzt das „Untitled“ Seating System von Vincent Van Duysen einen klaren Auftakt. Eine bewusst offen gelassene Massivholzstruktur bildet das konstruktive Rückgrat, in das weiche Polster – in Stoff oder Leder – präzise eingefügt sind. Die Konstruktion wird nicht verborgen, sondern prägt aktiv das Sitzerlebnis.

Die originalgetreu neu aufgelegte „Nena“ von Richard Sapper (1984) für B&B Italia setzt am Salone del Mobile 2026 einen klaren Gegenpol: radikal reduziert und grafisch präzise wirkt sie zeitlos modern, während die Samtausführung ihre Geometrie und Materialität betont und die Kontinuität italienischen Designs unterstreicht. Ergänzt wird sie durch die Chaise Longue „Moor“ von Vincent Van Duysen, die mit klarer Struktur und geflochtener Rattanfläche architektonische Strenge und Sinnlichkeit zu einer ruhigen, zeitgenössischen Haltung verbindet.

Ergänzend zur Messe zeigt B&B Italia in der Stadt eine kuratierte Retrospektive zum 60-jährigen Bestehen der Marke. Fotografien, Archivmaterialien und ausgewählte Objekte zeichnen die Entwicklung einer Designkultur nach, in der Qualität stets im Zentrum steht – von ikonischen Entwürfen bis zu heutigen material- und fertigungstechnischen Innovationen. 

Silent Statement Design

Einen bewussten Gegenpol setzt Ritzwell mit „Quiet Echoes“. Leder, Holz, Stein und Textil werden nicht kombiniert, sondern komponiert. Überzeugt durch Materialien und ihre Handwerkskunst entfaltet sich eine subtile, leise Inszenierung. Und doch entsteht daraus eine selbstbewusste Präsenz, die nicht laut sein muss, um zu wirken.

Kinetic Living

Weg von statischen Möbeln hin zu reaktiven, performativen Objekten. Der Knoll-Stand am Salone del Mobile in Mailand ist geprägt von einer Szenerie aus Palmen, Kakteen und trockenem Schilf, die an die wüstenhafte Mid-Century-Ästhetik von Palm Springs erinnert. Im Zentrum steht die erste eigenständige Möbelkollektion von Dozie Kanu für Knoll: eine Serie aus Konsolen und Beistelltischen, die den statischen Charakter klassischer Möbel radikal aufbricht. Stahlrohre treffen auf straff gespanntes Leder und bewegliche Fransen, die auf jede Berührung reagieren.

Ergänzt wird die Präsentation durch die Weiterentwicklung bestehender Kollektionen. Die Jonathan Muecke Wood Collection wird um Lounge Chair, Ottoman sowie Coffee- und Side Tables, Reduktion als Prinzip. Parallel dazu wächst die von Johnston Marklee entworfene Biboni-Serie zu einem umfassenden Sitzsystem.

Ein weiterer Fokus liegt auf der Wiederentdeckung der Morrison Hannah Chair von 1973, die nun europaweit erhältlich ist. Mit optimierter Ergonomie, verbesserter Polsterung und erweiterter Neigefunktion wird sie als hybride Lösung zwischen Homeoffice, Hospitality und Wohnraum neu positioniert. Ergänzt wird dies durch eine neue Kollektion performativer Textilien mit rohen, strukturierten Oberflächen, die nicht dekorativ wirken, sondern als skulpturale Elemente im Raum funktionieren. 

Organische Systeme

ClassiCon setzt auf eine bewusst erzählerische Designhaltung, in der jedes Objekt mehr ist als reine Funktion. Beim Soft Stona Sofa von Gabriel Tan wird diese Strategie besonders deutlich: Inspiriert von den steinartigen Strukturen im Parque da Cidade in Porto und den organischen Skulpturen von Isamu Noguchi entsteht ein modulares System aus elf asymmetrischen Elementen, das sich einer klassischen Rasterlogik entzieht.

Statt klarer Ordnung entwickelt sich eine fliessende, landschaftliche Komposition. Die einzelnen Volumen wirken wie frei gesetzte Körper im Raum, die sich verschieben, verdichten oder lösen und so immer neue Nutzungssituationen erzeugen. 

Fuorisalone 2026: Raum als Erlebnis

Im Rahmen der Milan Design Week 2026 zeigt die Installation von Annabelle Schneider in der Fondazione Luigi Rovati eine multisensorische Erfahrung zwischen Struktur und Sinnlichkeit. Das USM Haller System bildet das architektonische Gerüst einer atmenden, textilen Raumskulptur, die Präsenz, Wahrnehmung und Entschleunigung in den Mittelpunkt stellt.

Eine räumliche Inszenierung, die den digitalen Overload unterbricht und den Fokus zurück auf den physischen Moment lenkt.

Ein weiteres Highlight ist die Nomad Collection von Louis Vuitton im Palazzo Serbelloni. Jeder Raum ist bis ins Detail kuratiert, Licht, Material und Objekt verschmelzen zu einer immersiven Erfahrung. Der Palazzo wird zur Bühne einer neuen Form von Luxusinszenierung – Design als erzählte Welt.

Auch Hermès in La Pelota zeigt diese Entwicklung in subtiler Form: reduziert, atmosphärisch und hochpräzise inszeniert, verschmelzen Mode, Design und Kunst zu einer gemeinsamen Sprache.

Unter dem Leitgedanken „Matter as Method“ wird Material zum Ausgangspunkt des Entwurfs. Es wird als kultureller Träger verstanden – im Spannungsfeld von Handwerk, Technologie, Nachhaltigkeit und Emotion. Diese Perspektive zieht sich durch Messe und Stadt gleichermassen und zeigt: Design entwickelt sich zunehmend zu einer langfristigen kulturellen Praxis.

Passend dazu sind bald die neuesten Entwicklungen im wohnbedarf Zürich und Basel zu entdecken, wo diese gestalterischen Ansätze im Alltag konkret erfahrbar werden!

Fotos: @Cassina, Francesco Dolfo

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